Viele, die schon mal vom Pilates gehört haben, denken sich: Ach ja, das ist dieses Training für Frauen und ältere Leute. Da dehnt man sich und kann schön entspannen. Oder: Pilates ist wie Physiotherapie oder Gymnastik oder der Bauch-Beine-Po-Kurs im Fitnessstudio. Hmm… Nein. Nicht wirklich. Wie ist es dann? Wenn du das richtige, ursprüngliche Pilates machst, kann es schon mal vorkommen, dass du während des Trainings denkst, dass der Pilates-Lehrer nicht mehr alle Tassen im Schrank haben kann oder dass du davon überzeugt bist, dass du während der Stunde schier am Sterben bist. Männer inklusive 😉

Ist das dein Ernst?

Seien wir mal ehrlich: Viele der gängigsten Pilates-Mattenübungen sehen von außen kaum aufregend oder gar anstrengend aus und wirken wie ein Kinderspiel. Zumindest in den meisten Fällen. Wenn du aber noch nie nach dem klassischen Pilates trainiert hast und dann in eine richtige Stunde kommst, kann es sein, dass du erstmal ganz perplex bist: Wenn der Lehrer vor dir steht und dir allen Ernstes sagt – zu Beginn aber auch während des Unterrichts gefühlt tausend Mal wiederholt –, dass du während der Übungen all das machen sollst: Deinen Bauchnabel nach innen oben Richtung Wirbelsäule ziehen, deine Rippenbögen nach unten Richtung Hüftknochen verschließen, deine Fersen zusammenpressen und deine Oberschenkelinnenseiten aktiv halten sollst. Und selbstverständlich dabei nicht vergessen darfst, fließend ein- und auszuatmen. Alles gleichzeitig versteht sich. Bereitet dir das schon beim Lesen Kopfzerbrechen? Kein Wunder, denn Pilates fordert hohe Konzentration.

Hilfe, es brennt!

Und dann geht es ans Eingemachte: Du liegst auf der Matte und bist überzeugt, dass du dich gleich schön stretchen und genüsslich entspannen kannst. Pustekuchen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass du die Augen verdrehst, die Zähne zusammenbeißt oder in Gedanken fluchst. Keine Sorge, das ist ein gutes Zeichen 😉 Damit hast du höchstwahrscheinlich mit einem echten Pilates-Training zu tun. Denn was Pilates von anderen Trainingsmethoden hauptsächlich unterscheidet, ist die Nutzung des sogenannten Powerhouse und die Kräftigung der Tiefenmuskulatur. Tiefliegende Muskelpartien, die so wichtig für unsere Haltung sind, werden aktiviert, gestärkt und gedehnt. Du trainierst aus deiner Körpermitte heraus. Deshalb fühlt sich „Muskelkater“ nach einem Pilates-Training anders an als der, den man sonst so kennt. Du spürst nämlich Muskeln, von denen du gar nicht gewusst hast, dass du sie hast. Ein Beispiel: Einige meiner Schüler*innen berichten regelmäßig von einer Art Muskelkater an und zwischen den Rippenbögen. Klingt das nicht cool? 😉

Musik ist aus

Im klassischen Pilates gibt es keine Musik. Echt jetzt? Echt jetzt. Wie effektiv das Pilates-Training ist, hängt von der investierten Konzentration ab. Es geht darum, bei sich und den jeweiligen Übungen, sogar den einzelnen Bewegungen innerhalb einer Übung zu sein. Du hörst also auf das Gesprochene des Lehrers, versuchst die Anleitungen (manche würden sagen, Komandos 😉 )bestmöglich umzusetzen und in deinen Körper reinzuspüren. Dafür brauchst du keine Popsongs, die deine Gedanken woanders abschweifen lassen.

Wiederholen, bitte

In der Original-Pilates-Methode ähneln sich die Stunden. Der Grund: Joseph Pilates, das in meinen Augen Genie hinter der Methode, definierte eine konkrete Abfolge der Übungen, die das Training so effektiv macht. Jede Übung zielt darauf ab, deinen Körper auf die nächste Übung vorzubereiten. Damit du dich verbesserst, braucht es die Wiederholungen. Trotzdem wird es aber nicht langweilig im Training. Je nach Level kommen neue Übungen hinzu, bestehende Übungen können variiert werden, oder es werden Kleingeräte, beispielsweise der Magic Circle, Hanteln oder eine Stange genutzt. Alles, was der Erfinder angedacht hat. Doch zu viel Schnick Schnack braucht es nicht. Die Methode ist in sich selbst so brillant, dass man sie nicht abwandeln oder neu erfinden muss.

Kein sich abstrampeln

Im Pilates zählt nicht Quantität, sondern Qualität. Es ist nicht wichtig, wie oft du eine Übung ausführst, sondern wie. Denn das „wie“ macht eine Übung zu einer Pilates-Übung. Mehr noch: Es ist sogar nicht gut, wenn du um jeden Preis eine möglichst hohe Anzahl an Wiederholungen machen willst, wie vielleicht beim Spinning oder Sit-Ups. Denn dann läufst du Gefahr, die nötige Präzision und Kontrolle zu verlieren, die beim Pilates-Training so wichtig sind.

Der Trainer trainiert nicht (mit)

Schon öfters kam es in meinen Kursen vor, dass jemand kam und ziemlich überrascht war, dass ich als Lehrerin und Trainerin nicht vor der Gruppe stehe oder auf der Matte liege und die komplette Stunde mitturne. Natürlich zeigt der Pilates-Lehrer hin und wieder eine Übung vor (in einem Beginner-Kurs auch vermehrt, damit die Schüler*innen verstehen, was konkret gemeint ist). Aber im klassischen Pilates hat der Lehrer die Rolle, seine Schüler*innen korrekt anzuleiten, zu korrigieren und auf ihre individuellen Gegebenheiten und Konditionen einzugehen. Wenn ich also selber trainieren möchte, dann gehe ich in einen Kurs oder rolle meine Matte daheim aus 😉

Was ist jetzt mit dem Dehnen?

Im Fokus steht ganz klar die Kräftigung der Muskulatur. Aber ein sinnvoller Wechsel aus An- und Entspannung gehört dazu. Deshalb werden im Training natürlich auch die verschiedenen Muskelpartien gedehnt. Aber Pilates ist eben nicht nur Dehnen und Stretching, wie viele glauben. Das Training kann sanft sein, angepasst an die jeweilige Kondition oder den Gesundheitszustand. Aber gleichzeitig wird es dich fordern und aus deiner Komfortzone locken. Denn nur so kannst du von den Vorteilen des Pilates-Trainings auch wirklich profitieren.

Nicht nur auf der Matte

Was viele nicht wissen: Pilates kann auf der Matte oder an speziellen Pilates-Geräten stattfinden. Und mit Geräten meine ich keinen Magic Circle, Hanteln, Stangen oder moderne Dinge wie Rollen oder Bälle. Sondern Groß-Geräte, wie den Reformer, Cadillac oder Wundachair, die Joseph Pilates entwickelt hat. Zugegeben: Wenn man sie nicht kennt und nicht weiß, was man damit alles machen kann, wirken sie zunächst wie Folterinstrumente 😉 Durch ausgetüftelte Federungsmechanismen bringen die das Training aber auf nochmals ein anderes Niveau.

Und was war das bitteschön bisher, was ich gemacht habe?

Pilates ist auf jeden Fall nicht gleich Pilates. Leider ist es kein geschützter Begriff und es gibt keine vereinheitlichte Ausbildung für Lehrer. Das heißt, dass es viele Kurse und Trainings gibt, die sich mit dem Namen Pilates rühmen, aber mit der ganzheitlichen Methode, die dahintersteht, nichts oder sehr wenig gemeinsam haben. Und weil es so viele verschiedene Varianten gibt, kommt es hin und wieder auch vor, dass jemand zu mir kommt und sagt, dass er oder sie schon mal Pilates gemacht hat, sich aber nicht sicher ist, ob es richtiges Pilates war 😉

Fazit

Pilates ist kein Synonym für Gymnastik, Physiotherapie oder Bauch-Beine-Po-Kurse. Es ist nicht nur was für Frauen oder ältere Leute. Es ist nicht leicht, aber dafür umso wirkungsvoller. Denn die Pilates-Prinzipien unterscheiden die Methode von anderen Trainings. Kurse wie Yogilates, Piloxing & Co. sind bestimmt schön und machen Spaß. Nur mit der klassischen Methode haben sie leider nichts zu tun. Aber jetzt weißt du es ja besser und kannst bei deinem nächsten Kurs darauf achten. Oder du kennst vielleicht jemanden, der sagt, er mache Pilates aber das stimmt anscheinend gar nicht. Dann kannst du ihn einfach aufklären 😉

PS.:

Da für mich Pilates viel mehr als ein Training für den Körper ist, könnte ich hier noch einen weiteren Roman darüber verfassen 😉 Wieso der Erfinder der Methode seiner Zeit weit voraus und ein echtes Genie war, für was Pilates besonders gut ist, wieso absolut jeder Pilates machen und worauf man beim Training achten sollte und und und: Dazu gibt es schon bald mehr, hier und auf meinem Youtube-Channel . Hat dich etwas beim Lesen überrascht, wovon du bisher nichts wusstest? Ich bin gespannt und freue mich von dir zu hören und/ oder zu lesen

Fühl dich gedrückt,

Natalia

Teile das